Warum tue ich mir Facebook noch an?

Natur- und Landschaftsfotografie Workshop

Was bleibt, wenn wir morgen sterben und feststellen, dass wir zuviel Zeit in den sozialen Medien verbracht haben, anstatt sich ganz persönlich mit anderen Menschen auszutauschen, zu diskutieren und gemeinsam ein schönes Essen oder einen Ausflug gehabt zu haben?

Die Frage habe ich mir gestellt, als ich mich an einem Sonntagabend über einen Facebookpost einer unbekannten Dame geärgert hatte und auf dem ich auch noch schriftlich statt persönlich im Gespräch reagieren musste.
Dabei ist das heutige Leben so unruhig. Nicht nur die politischen und wirtschaftlichen Fragen unserer Zeit, die auch mich ganz persönlich betreffen sondern auch Schicksale im Freundeskreis, die zeigen wie zerbrechlich und fragil unser Lebensentwurf ist. Wie schnell sich alles ändern kann, ohne das man darauf viel Einfluss nehmen kann. Und so saß ich spät am Abend vor dem Fernseher und schaute mir eine Reportage über das heutige Rom an. Das Dolce Vita, der morgendliche Espresso, die heißen Alleenstraßen, die von Zypressen gesäumt werden, das Kolosseum, die kühlen Katakomben unter der Stadt und die belebten Straßen in der Nacht. Ich spürte förmlich die Mittelmeersonne auf meinem Gesicht und das Flair dieser Stadt und genoss die Fahrt auf der Vespa mit der Moderatorin so als wenn ich live dabei gewesen wäre. Dabei habe ich die ewige Stadt auf meinen Italienreisen nie besucht, da ich Verkehrslärm und viele Menschen gerne meide. Und gleichzeitig viel mir der Stress mit Facebook ein und ich dachte, warum tue ich mir das noch an? Für wen und warum? Was ist noch an Facebook sozial, war es das überhaupt einmal?

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Als ich Facebook 2006 kennen lernte, gab es die Plattform noch nicht einmal in der deutschen Sprache. Mindestens weitere drei Jahre war ich dort meist mit Foto- und Blogfreunden verbunden, die ich nicht persönlich kannte, da mein Freundeskreis vor Ort von Facebook noch nie etwas gehört hatte. Damals fühlte ich mich wie eine Außerirdische und fand Facebook irgendwie cool, weil es sich so international anfühlte. 2010 gründete ich mit dem Namen meines damaligen privaten Blogs eine Fanpage und als ich auf meinem Blog die Frage an meine Leser stellte, wer dort Fan werden möchte, ging ein Aufschrei durch alle Kommentare. Trotz aller negativen Reaktionen hatte ich damals schnell 600 Leser, die aber statt zu kommentieren, wie ich das auf meinem Blog gewöhnt war, nur noch mal schnell ein Like hinterließen.

Mit der Eröffnung meiner Fotografie-Page sollte alles anders werden. Aber ich hatte die Rechnung ohne Facebook gemacht. Mit der künstlichen Verknappung von Reichweite und der Ausblendung wer meine Seite liked – und stattdessen täglicher Facebook E-Mails, ob ich nicht Werbung schalten möchte um meine Reichweite zu erhöhen, ging es nicht voran. Von all meinen Lesern kenne ich nur eine Handvoll, die regelmäßig liken und kommentieren. Egal bei welchem Thema. Nicht einmal mein Partner liked meine Posts und als ich ihn erbost ansprach, das er mich doch wenigsten medial unterstützen könnte, sagte zu mir „Ich like nie, egal welche Seite, das findet er dumm und überhaupt, wer weiß ob darüber nicht ein Mißbrauch stattfinden kann“. Von dieser Seite hatte ich das auch noch nicht betrachtet…

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Natürlich hätte ich auch wie einige meiner Kollegen 10.000 Fans + Likes + Kommentare für ein paar Euro einkaufen können, doch das fühlte sich für mich und mein Business nicht richtig an. Auch wenn das mittlerweile fast alle machen, sah ich nicht den Nutzen. Keiner von diesen – teilweise in Asien computergenerierten Profilen – würde jemals bei mir einen Kurs buchen, ein E-Book kaufen oder sich einfach mal auf einen Kaffee mit mir treffen wollen.

Gleichzeitig erfuhr ich in persönlichen Gesprächen mit meinen Kunden, das die Mehrheit gar nicht bei Facebook ist und wenn doch, mit Facebook nicht allzu viel am Hut haben. Meine letzten Kurse sind größtenteils über diesen Newsletter, meinen Blog, mein Naturfotografiebuch oder über persönliche Empfehlungen zustande gekommen. Aber niemand kam über Facebook und Co. Das ist die berufliche Seite, aber die private sieht nicht besser aus.

Gerade die letzten Monate haben mich sehr geschockt. Ich musste Facebook wirklich meiden, weil ich die politischen Statements, in Verbindung mit Katzenvideos, Werbung, esoterischen Sinnsprüchen und am allerschlimmsten, die bösartigsten Streitereien um Flüchtlinge nicht mehr ausgehalten habe. Wie viele Menschen in den letzten Monaten bei Facebook ihr wahres Gesicht zeigen, wie menschen verachtend viele denken, wie hässlich die Gemeinschaft in allen politischen Lagern ist, ist unerträglich. Und wieder die Frage, was ist an den Social-Medien sozial? Nichts, die einen die mal eine gute Sache erfunden haben, sind heute nur noch auf immer mehr Gewinne aus und die anderen haben eine Plattform gefunden, in der sie sich ohne Achtung vor anderen ausleben können und dabei auch keine Angst vor Konsequenzen befürchten müssen.

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Auf Facebook wird Krieg geführt! Krieg um Geld und Macht.

Schon vor einem Jahr habe ich darüber nachgedacht, Facebook abzumelden (hier findest du weitere 10 gute Gründe dafür). Doch überzeugten mich andere, dass es doch ein wichtiges Marketinginstrument sei und jeder Fotograf müsste dort vertreten sein.

Nach fast 10 Jahren habe ich mein Konto auf Eis gelegt. Ich möchte lieber reisen, als mich vor den Bildschirm zu setzen und ich möchte lieber die Menschen persönlich kennen lernen. Ich würde mich darüber freuen, wenn wir uns alle wieder persönlich zum Geburtstag gratulieren würden und Feste ohne Facebook-Veranstaltungstool spontan gefeiert werden. Und am allerwichtigsten – ich möchte mich keinen Wettkampf mehr um Likes stellen und mich über die Anzahl meiner Leser definieren. Meine Arbeit ist nicht schlechter, nur weil ich kein Facebook-Shootingstar bin.

Mein Blog und der dazugehörige Newsletter – das ist mein Medium. Seitdem ich im Herbst letzten Jahres die Themen meines Newsletters geändert habe, bekomme ich ganz viel Post. So viele persönliche Geschichten, die mir geschickt werden. Erzählungen bei denen ich Pipi in die Augen bekomme und meine Leser und Kunden auf einer ganz anderen Ebene kennen lernen darf. Ich kann mich nur für das Vertrauen bedanken und ich vermute mal, auf Facebook wird mich niemand vermissen, da es mich ja hier gibt. Viel persönlicher, authentischer und mit ganzem Herzen dabei.

10 Kommentare

  1. Pingback: Meine Fanpage und ich – Nachtrag | TextLoft – das Blog

  2. Ein wunderbarer Text – vielen Dank, liebe Jana, für diesen Post, der meiner aktuellen Stimmung absolut entspricht und sich so tröstlich und bestätigend anfühlt!

    • Danke dir. Ich habe diesen Text vorab als Newsletter verschickt und ganz viele bestätigende, interessante Emails zu dem Thema bekommen. Ich scheine einen Nerv der Zeit getroffen zu haben und viele Menschen empfinden so wie du und ich.

  3. Du schreibst mir aus der Seele, Jana.
    Ich stehe mit Facebook auch auf Kriegsfuß.
    Warum soll ich FB bespaßen, nur um ein paar Likes oder Fans zu bekommen? Da konzentriere ich mich doch lieber auf den Blog, und den Newsletter.
    Leider ist für die Zusammenarbeit mit Firmen die Anzahl der Fans ein wichtiges Argument.

    • “Leider ist für die Zusammenarbeit mit Firmen die Anzahl der Fans ein wichtiges Argument.” Nein, nicht wirklich. In einem neuen Artikel schreibe ich darüber, warum es beruflich nicht unbedingt was bringt und was dagegen spricht. Zumal Facebook eine Plattform ist, auf der sich die Menschen zu 90% privat aufhalten und sich von Werbung und Produktplatzierungen gestört fühlen.

      • Das sehe ich auch so. Es wird von Marketingberatern zwar immer gern behauptet, dass genau das relevant sei, weil der Entscheider hinter dem Unternehmen, der ja nach Feierabend auf Facebook sei, so auf die Fanpage aufmerksam würde, und schließlich Menschen Menschen buchen und nicht Unternehmen, aber ich halte das für eine sehr idealisierte Theorie. Dies trifft erst recht nicht zu, wenn man eine nicht ganz alltägliche Leistung anbietet, nach der nicht konkret gesucht würde. Zudem beschäftigt sich dieser ominöse Mensch nach Feierabend mit privaten Dingen oder Produkten, die ihn privat interessieren. Ich glaube auch nicht, dass die Anzahl der Fans bei seriösen Unternehmen als Entscheidungskriterium gilt. Facebook kann sicher als Gästebuch und infolgedessen als Verstärker und Mundpropaganda fungieren, wenn die eigenen Kunden tatsächlich auch auf Facebook sind und dort ihre Meinung hinterlassen. Ist das nicht der Fall – von meinen Kunden ist bisher z.B. ein einziger auf Facebook, dort aus Zeitmangel wenig aktiv und konzentriert sich dann nur auf die Pflege seiner eigenen Seite -, bleiben die Fanzahlen trügerisch. Es verbirgt sich hinter dem Folgen oft kein wirkliches Interesse: Viele meiner sog. Fans folgen mir, weil sie mich von einem anderen, nicht mehr existierenden Blog her kennen. Meine jetzige Arbeit und mein Unternehmen interessieren sie aber nicht wirklich. Sie liken aus Gefälligkeit und mechanisch ein paar Grafiken, ohne sie sich wirklich anzusehen – was ich zum Beispiel daran merke, dass auf konkrete Fragen oder Umfragen nur geliked wird, aber nicht geantwortet. Bildende Künstler haben in der Regel viele Fans, weil Bilder grundsätzlich geliked werden. Es mag Bekanntheit innerhalb der Facebook-Gemeinde generieren, aber wirtschaftlich bleibt es aus meiner Sicht irrelevant, denn diese vermeintliche Berühmtheit erreicht weder Galeristen noch Vermarkter, auf die es ankommt, und bleibt nur innerhalb des Dorfes Facebook von Wert. Als ich verkündet habe, dass ich überlege, meine Facebook-Seite zu schließen, aber im Gegenzug eine Chronik als Nebenseite zu meinem Blog oder einen Newsletter einrichten könnte, wenn es meinen “Fans” darum geht, regelmäßig zu verfolgen, was bei mir hinter den Kulissen passiert, zeigte sich sehr schnell, dass keinerlei Interesse besteht. Die Artikel mit dem Tenor “und das ist letzte Woche im TextLoft passiert” waren zwar diejenigen, die auf Facebook am meisten geliked wurden, aber die Liebe geht dann doch nicht so weit, einen Umweg über eine andere Seite zu machen oder einen Newsletter zu beziehen, um dieselben Informationen zu erhalten. Ich habe also zwar Fans, aber sie sind gar keine – denn echte Fans sind der Definition nach an dem interessiert, was man tut. Und ein “ich kenne die irgendwie, also klicke ich mal” ist nett gemeint, bringt weder Interaktion noch Kunden. Matthias Argument trifft meiner Meinung nach nur auf kommerzielle Blogger zu, die Unternehmen für Kooperationen und die Überlassung von Produkten nachweisen müssen, dass sie eine breite Resonanz erzeugen können. Mit der Generierung von Aufträgen hat es nichts zu tun.

        • “Es verbirgt sich hinter dem Folgen oft kein wirkliches Interesse” Ja, genauso habe ich es auch erlebt. Wenn ich eine Frage gestellt habe, habe ich selten eine Antwort bekommen.

          Als Fotografin habe ich viel schöne Bilder, die auch gerne geliked wurden. Aber es hat nicht wirklich weiter geholfen. Deswegen wurde ich nicht gebucht. Stattdessen habe ich des öfteren bei mir gelsenen “du hast so ein schönes Hobby, was machst du beruflich?” Da habe ich erst letztens die Nerven verloren und nachgefragt, ob die Frage ernst gemeint sei. “Ja, das wäre sie” kam zurück und es stellte sich heraus, das meine Leserin gerne meine Bilder liked aber sich nie um meine Texte gekümmert hat bzw. sich meine Fanpage überhaupt mal angeschaut hat. Ich war ehrlich betroffen, aber das scheint die oberflächliche Realität zu sein. Ich bin nicht so, ich habe mir das oft genau überlegt, welche Seite ich like und welche Inhalte ich sehen möchte. Anderen ist das völlig egal, hauptsache sie werden unterhalten…

          PS: Hier habe ich noch einen Nachtrag zu FB veröffentlicht…

          • Ich kenne diese Situation auch. Daran merkt man, wie mechanisch und hintergrundlos geliked wird. Ich schaffe es meistens, mir solche Momente nicht allzu sehr zu Herzen zu nehmen, und ich beziehe sie im Grunde ja auch nicht auf mich. Aber an schlechten Tagen fühlen sie sich dennoch ein wenig bitter an.

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