
Von der Sehnsucht nach Echtheit
Kürzlich stolperte ich über Werbung für ein Buch – Heilung, innere Stärke, Transformation. Die Worte klangen vielversprechend. Sanft. Fast wie eine Einladung. Ich wurde neugierig. Vielleicht, dachte ich, ist da etwas drin, das berührt. Ich habe die Leseprobe heruntergeladen.
Doch schon nach wenigen Seiten spürte ich Widerstand. Nicht gegen das Thema – sondern gegen den Ton. Da war so viel von „tausenden Menschen geholfen“, „in Alignment kommen“, „ich bin so echt“. Ein Mix aus Selbstinszenierung und spirituellem Marketing-Jargon, der den eigentlichen Kern verdeckt – wie ein Parfüm, das zu stark aufgetragen wurde. Ich kann verstehen, dass solche Formulierungen anziehend wirken sollen, doch für mich bewirken sie das Gegenteil.
Ich habe das Buch zur Seite gelegt. Und mich gefragt: Warum triggert mich das so? Warum bin ich so sensibel, wenn jemand sagt, er habe die Lösung? Und warum scheinen genau solche Angebote gerade so erfolgreich zu sein? Diese Fragen beschäftigen mich, ähnlich wie mich früher diese perfekten Reisefotos irritiert haben – von Orten, die in Wirklichkeit von Zäunen, Menschenmassen und Kommerz geprägt sind.
Die Sehnsucht nach Heilung ist echt.
Ich glaube, das ist der Kern. Du trägst Wunden in dir, ich trage sie in mir. Alte Geschichten. Verluste. Orientierungslosigkeit. In einer Welt, die laut, schnell und oft lieblos ist, sehnen wir uns nach Halt. Nach Berührung. Nach dem Gefühl: Ich bin nicht allein mit meinem Schmerz und meiner Suche.
Und genau dieses Bedürfnis greifen viele Coaches, Mentorinnen, Heilerinnen auf. Manche mit ehrlicher Absicht. Andere mit einer gut durchdachten Marketingstrategie. Wie so oft langweilt auch das Neue sehr schnell wieder, und wir wenden uns anderen Dingen zu. Doch die tiefe Sehnsucht bleibt.
Sie versprechen einfache Wege. 6-Wochen-Programme. Retreats. Sie bauen Nähe auf – emotional und visuell. Gleichzeitig stellen sie sich über dich: Ich weiß den Weg. Ich kann dich führen. Neue Empfindungen in Form von vermeintlichen Lösungen, Techniken und Methoden strömen auf dich ein, doch oft fehlt die nachhaltige Tiefe.
Was dabei oft verloren geht: Wahrhaftigkeit. Verletzlichkeit. Raum für Zweifel, Fragen, Nichtwissen.
Ich habe keine Lösung. Aber ich habe Fragen.
Ich glaube nicht an schnelle Transformation. Ich glaube an leise Prozesse. An das, was unter der Oberfläche gärt, bevor es blüht. An das, was sich nicht in Instagram-Posts verpacken lässt. Ähnlich wie bei den „berühmten“ Orten, die ich mittlerweile meide – die Ostsee, die Sächsische Schweiz, der Harz – suche ich auch bei der inneren Arbeit nach dem Authentischen, dem Unverfälschten, dem Wahrhaftigen.
Ich glaube, dass echte Begegnung auf Augenhöhe stattfindet. Nicht von oben herab, nicht als Marke, nicht als Heilsversprechen. Sondern im echten Gespräch. Im Gehen durch den Wald. Im Schweigen.
Vielleicht reagiere ich deshalb so empfindlich auf dieses ganze „Ich bin so echt“-Theater. Weil ich spüre, wenn etwas gesagt wird, um zu wirken, und nicht, weil es wirklich gelebt wird. Der Unterschied ist für mich spürbar, wie der Unterschied zwischen einem überlaufenen Touristenort und einem stillen Waldweg.
Du musst nicht erklären, dass du authentisch bist, wenn du es bist. Du musst nicht sagen, wie viel du weißt, wenn du in dir ruhst. Und du musst niemandem beweisen, wie viele du „transformiert“ hast, wenn du wahrhaft präsent bist. In unserer Gesellschaft sind wir immer auf der Suche nach dem Besonderen, dem Neuen, dem Außergewöhnlichen. Doch vielleicht liegt das Wahrhaftige gerade im Unspektakulären.
Ich glaube, du spürst das auch – aber es ist leise, diese Wahrnehmung. Sie wird schnell übertönt vom hübschen Design, von emotionalen Bildern, von Likes. Unser Auge nimmt dann Dinge wahr, die es zuvor noch nie gesehen hat, doch oft bleiben sie an der Oberfläche.
Und doch: Es gibt eine Sehnsucht nach Echtheit, die bleibt. Nach Stimmen, die nicht schreien. Nach Räumen, in denen man nicht optimiert, sondern angenommen wird.
Vielleicht bist du auch so eine Stimme.
Wenn du dich manchmal fremd fühlst in dieser Welt der Selbstvermarktung – wenn du zweifelst, weil du nicht „laut“ genug bist – wenn du denkst, du hättest nichts Neues zu sagen –
…dann erinnere dich daran: Nicht Lautstärke ist das Maß für Wahrheit. Sondern Resonanz.
Und manchmal reicht ein leiser Satz, um etwas in Bewegung zu bringen –
wie ein Windhauch, der durch hohes Gras streicht. Man sieht ihn kaum. Aber man spürt ihn.
Zuletzt kommentiert
Johannes Stasing
Hallo Jana,
Vielen Dank für diesen Artikel. In dieser unruhigen und von Spaltung der Gesellschaft betroffenen Zeit, gibt es viele Heilversprechen, die nicht wirklich Heil bringen. Es sind doch die leisen Töne, die aus dem Inneren heraus kommen, auf die es zu lhören und zu achten gilt. Dazu braucht es ein Verständnis und den Willen, es auch zuzulassen. Daraus kann Freude und Zufriedenheit erwachsen, die ihre Wirkung nach innen und außen nicht verfehlen wird.
Liebe Grüße Johannes
Wolfgang
Hallo Jana,
da geht es dir wie mir.
Sobald ich merke, dass eine Person wie ein Messias allumfassende Heilversprechungen, egal in welchem Bereich, gibt, ist bei mir
der Return-Button gedrückt.
Alle angeblich ganz einfache Methoden sind einseitig und berücksichtigen nicht die Komplexität des Menschen.
Was sie liefern ist Marketing in reinster Form.
Hab noch einen schönen Sonntag.
LG Wolfgang
Christine Skolaude
Hallo Jana,
Ganz spontan möchte ich auf den eben gelesenen Beitrag von dir antworten.
Du sprichst mir aus der Seele.
Es ist genau das, was uns in dieser Zeit so sehr fehlt: Angenommensein, sich begegnen können auf Augenhöhe, der Wunsch nach gegenseitiger Akzeptanz.
Ich bin froh, wenn ich lese oder höre, daß es Mitmenschen gibt, die genau so empfinden und danach ihr Leben auszurichten versuchen.
Einen schönen Sonntag
Christine