Fotocommunities und die Sache mit der Kritik

Mein Fotocommunity-Leben wird genau heute, am 4.1.2013, 11 Jahre alt. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich im Januar 2002 der FC beigetreten bin und voller Enthusiasmus mein erstes Bild hochgeladen habe. Wenige Minuten später folgte der erste Kommentar und seitdem hat es mich nicht mehr losgelassen. Aus einem anfänglichen “Schaun wir mal” und “ich habe Spaß” folgte der ernsthafte Wechsel zu “ich möchte mich entwickeln, weiterbilden, lernen”.

Kaum hatte ich diese Schwelle übersprungen, wurde jedoch aus Spaß allmählich Frust. Denn Kommentare wie “toll, super Schuss, grandiose Farben” waren nicht die, die ich haben wollte. Meine Vorstellungen und Erwartungen tendierten zu eine analytisch sauberen und vor allem konstruktiven Kritik. Doch genau das Gegenteil war der Fall. Entweder es regnete Lobhudeleien oder ich wurde mit böser Kritik persönlich sehr verletzt. Beides brachte mich nicht weiter, auch nicht der Wechsel von der FC zu Flickr und später zu 500px.
Mein persönlicher Blog über Fotografie half ebenfalls nicht weiter und der Frust ging soweit, dass ich darüber nachdachte, alle Community-Zugänge im Internet zu löschen und keine Bilder mehr zu zeigen. Doch wäre es der Weisheit letzter Schluss gewesen, sich allem zu versagen? Nein, sicherlich nicht.

Stattdessen half mir ein persönliches Gespräch mit einem Fotofreund und ich stellte meine Gedanken und Erwartungen komplett um. Was sich jetzt nach einer 180° Wandlung innerhalb einer Stunde anhört, war jedoch ein Prozess, der über Wochen ging.

Heute suche ich nicht mehr nach der sauber formulierten tiefgreifenden Kritik. Stattdessen stelle ich meine Fotos ein, um zu zeigen was ich mache. Ich benutze die Plattformen dazu, mich bekannt zu machen und freue mich über nette positive Kommentare, die mir zeigen, dass das, was ich mache, anderen gefällt. Punkt.

Die Kritik dagegen hole ich mir von Menschen, die aus meinem Umfeld stammen. Bei denen ich auch weiß, das sie mich trotz aller Kritik persönlich schätzen. Bei denen ich weiß, dass sie etwas von Fotografie verstehen, auch wenn sie selber es nicht können. Im Internet beurteile ich den Kritiker nur nach seinen eigenen Fotos und ordne dementsprechend auch seine Kritik ein. Da ich die Person nicht persönlich kenne, sind deren Fotos der entscheidende Anhaltspunkt und ich kann darüber hinaus nicht einschätzen, wie viel diese von Fotografie versteht.

Ich musste lernen, dass nicht jeder Musikkritiker selber perfekt singen oder ein Instrument spielen kann, stattdessen aber ein ausgezeichnetes Gehör und Sachverstand besitzen muss. In der Fotografie ist es das Sehen und das ist nicht einfach zu erlernen. Denn wenn das so wäre, dann gäbe es nur einzigartige und perfekte Fotos auf dieser Welt… .

Ein weiterer Aspekt, der mich zum Umdenken gebracht hat, war eine sehr persönliche Einschätzung meiner Selbst: Wie oft habe ich einem anderen Fotografen eine tiefgründige Kritik geschrieben? Wie oft habe ich mir die Mühe gemacht, die Fehler sachlich zu äußern, mir Zeit zu nehmen für ein einziges Bild und es zu analysieren. Ich befürchte, die Bilder kann ich an 10 Fingern abzählen. Wie kann ich dann von anderen erwarten, dass sie dies für mich tun: Sich Zeit nehmen und schreiben? Obwohl sie mich nicht persönlich kennen und schätzen. Ist diese Erwartungshaltung nicht völlig überdimensioniert?

Stattdessen sollte man die Communities dieser Welt als das nehmen was sie sind: Freizeit, Spaß und wenn man so will: Marketing. Erfreuen wir uns an den Kontakten, die dort entstehen. Vor allem an jenen, bei den aus Online- echte Offline-Freunde geworden sind. Vielleicht ist es dann eines Tages möglich, eine wirklich gute und weiterbringende Kritik zu erhalten.

Bis dahin sollte jeder seinen eigenen Blick schärfen. Am besten ist es, ein Foto nach der Aufnahme, respektive Bearbeitung, ein paar Tage ruhen zu lassen und es sich dann noch einmal anzuschauen. Häufig merke ich mit zeitlichem Abstand, wenn die erste Euphorie des Shottings vorbei ist, die Schwachstellen in einem Bild. Gefällt mir ein Foto besonders gut, dann lasse ich es manchmal einen ganzen Tag lang an meinem großen Bildschirm offen und schaue es mir immer wieder an. Gleichzeit sehe ich mir immer wieder andere Fotos an und analysiere sie. Was macht das Bild einzigartig? Warum bleibe ich daran hängen? Ist das Motiv, die Lichtstimmung, die Komposition oder ist eine Mischung aus allem? Seinen eigenen Blick zu schulen, dafür sind die Communities eine ganz besondere Bereicherung. Suchen wir doch eher das Positive in dieser Art der Gemeinschaft und hören wir auf, über die fehlende tiefgründige Kritik zu wettern. Die Fotocommunities sind nur so gut, wie jeder einzelne sich persönlich einbringt.

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„Fotografie aus Leidenschaft“, das ist das Motto der 1976 in Halberstadt geborenen künstlerischen Fotografin und Buchautorin Jana Mänz. Als Natur- und Landschaftsfotografin zeigt sie uns die Welt auf ungesehene Weise. Die Abbildung der Wirklichkeit lässt sie dabei gerne hinter sich, um mit ganz eigener Handschrift Bilder zu schaffen, die im Gedächtnis bleiben. Gerne gibt Jana Mänz ihr Wissen weiter: Sie unterrichtet Fotografie und Bildbearbeitung. www.janamaenz.photography

7 Kommentare

  1. Sehr richtige und interessante Beobachtungen zum Gebahren von Deutschen in Foren und Blogs, nicht nur im Bereich Fotografie anzutreffen.

    Eine gesunde Sicht auf sich selbst, Kritikfähigkeit und Humor sind vielen scheinbar verloren gegangen. Natürlich ist der Faktor Zeit (für Andere) ist natürlich ein wichtiges Argument – wer zu viel davon hat, macht sich in unserer Gesellschaft ja auch verdächtig…

    Aber schöne Fotos übrigens…

  2. Das sind genau die Gründe, warum ich bisher diese Communitys gemieden habe. Mal ganz abgesehen davon, dass ich meine Bilder einfach noch selbst für viel zu schlecht halte. Deshalb hatte ich mich ja auch über die Fotoschule auf deinem Blog gefreut.
    Der 23. steht diesmal schon im Kalender. Allerdings habe ich um 17:00 Uhr noch Vorstandssitzung. Ich denke aber, dass ich spätestens 20:00 wieder zu Hause bin. Kann ich ggf. auch noch später zu Euch stoßen?

    • Natürlich kannst du auch später hinzukommen. Wir fangen immer 20:00 Uhr und das geht bis ca 22:00 Uhr… je nachdem wie wir Lust und Spaß zusammen haben :-)

  3. Liebe Jana, Du hast hier noch noch einen Aspekt der Fotocommunitys herausgearbeitet, der bei mir untergegangen ist: Nicht nur, dass die Mitglieder selten hilfreiche Kommentare abgeben, ich habe auch den Eindruck, sie wollen gar keine echte Kritik. Sobald man etwas Kritisches schreibt, sind die Adressaten schnell beleidigt. Umso mehr, wenn sie im Profil schreiben, sie seien für konstruktive Kritik besonders dankbar. Ich habe einmal den Fehler gemacht, ein wirklich schlechtes Bild auch so zu nennen und meine Meinung zu begründen. Es war, als hätte ich eine Todsünde begangenen. Ich habe es nie wieder getan.
    So toll viele Fotos in den Communitys auch sind, bei der großen Menge ist auch viel durchschnittlichen und unterdurchschnittliche dabei. Aber auch diese Bilder werden mit “tolles Bild” oder ähnlich kommentiert. Warum auch immer.
    Wegen der Kommentare muss also wirklich niemand in einer FC sein.
    LG, Susanne

    • Liebe Susanne,
      ich habe den Aspekt sicherlich vernachlässigt, weil ich ihn persönlich nie so erlebt habe. Ich kenne ihn zwar vom Hören sagen, aber ich habe mich auch nie getraut, so richtig mal zu kritisieren, da ich immer dachte, das mir das mit meinen 1000 Fehlern nicht zusteht.
      Ich habe aber letztens einen Hochzeitsfotografen kritisiert und es kam nie ein Feedback. Dann dachte ich, dass das bei FB, wo er seine Kunden glücklich macht und es seine Marketing-Plattform ist, auch nicht angebracht ist. Du siehst, das ist ein sehr schwieriges Thema.
      VG Jana

  4. Hallo Jana, ich freue mich für Dich *grins* Du wirst mit Deinen Erkenntnissen weiser und viel ruhiger leben. Für mich sind diese Communities schon länger nur für das Zeigen meiner Bilder und das Kontakte knüpfen, gleichzeitig finde ich auch viel Inspiration dort. Lernen ja, aber nicht durch die Kommentare, sondern nur durch das Nachmachen und Ausprobieren :-)

    • Liebe Marion, deswegen habe ich nie ein unruhiges Leben gehabt. Aber ich beschäftige mich manchmal sehr mit bestimmten Themen und muss dann feststellen, da sich meine Erwartung nicht auf andere übertragen darf. Das kann nur unglücklich machen :-)

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